Edinburgh Castle - endlich
Nachdem ich es gestern dann gesund und munter nach Hause geschafft habe und nicht von Dementoren überfallen wurde geht’s heute endlich zum Schloss. Das Ticket wartet ja schon seit ein paar Tagen in meiner E-Mail Inbox auf seinen Einsatz. Aber erstmal frühstücken und Sylvana wecken, die natürlich Ihren Wecker verschlafen hat.
Eigentlich wollte ich zum Schloss laufen und dort die Australier treffen aber da heute Sylvannas letzter Tag in Europa ist, hat sie einiges an Gepäck und noch einen Taxi Gutschein von £10 und sie lädt mich zu einer Spritztour in einem klassisch britischen Taxi ein. Da wird mir bewusst, dass ich diese Autos nur von außen kenne und ich freue mich über eine Erfahrung mehr - und eine kostenlose Fahrt direkt zum Schloss.
Dort angekommen warten wir noch ein wenig bis der Einlass beginnt und dann geht es auch schon los. Durch das beeindruckende Tor über eine Hängebrücke werden wir hineingezogen in die Jahrhunderte alte Geschichte. Über dem Tor prangt der lateinische Schriftzug „Nemo me impune lacessit“ und das Kind im mir schmunzelt bei „Nemo“ ganz kurz und Ruft in meinem Kopf „Ich habe Nemo gefunden!“ aber der Erwachsene in mir will wissen was es bedeutet und beliest sich kurzerhand. Es bedeutet „No one provokes me with impunity“ und auf deutsch „niemand provoziert mich ungestraft“ - kraftvolle Worte an der Pforte einer Heimstätte. Der Klugschwätzer in mir findet im Internet noch folgende Erklärung dazu:
Nemo me impune lacessit war das lateinische Motto der königlichen Stuart-Dynastie von Schottland mindestens seit der Regierungszeit von James VI, als es auf der Rückseite der Merk-Münzen erschien, die 1578 und 1580 geprägt wurden und von drei schottischen Regimentern der britischen Armee.
So, genug Copy & Paste, weitergeht es ins innere der Mauern der Schlossanlage.
Der Blick auf die Stadt, besonders die New Town ist umwerfend. Grade der Blick durch die Schießscharten in der Schlossmauer vermittelt mir ein Gefühl von Unantastbarkeit hier oben über der Stadt.
Plötzlich stehe ich vor der one o’clock gun, die ich in den letzten Tagen um 13 Uhr bereits gehört habe aber nicht zuordnen konnte. Bedauerlicherweise wird sie täglich, mit Ausnahme des Heiligen Sonntags, abgefeuert und so kann ich Sie heute nur sehen aber nicht aus nächster Nähe hören.
Als Trostpflaster gibt es eine kleine Ausstellung aller Kanonen die zu diesem Zweck bisher eingesetzt wurden.
Ich schlendere so von Gebäude zu Gebäude, von Saal zu Saal, von Gemälde zu Gemälde und lasse mich berieseln und beeindrucken von der geschichtsträchtigen Umgebung.
Die Great Hall voller alter Schwerter erzählt eine Geschichte, genauso wie jeder Kratzer und jede Macke in der Klinge auch.
Im Museum des schottischen Militärs welches sich mit den Rittern aus dem Mittelalter eng verbunden fühlt und auch in einem der Gebäude im Schloss seinen festen Platz hat, komme ich ins Gespräch mit einem Angehörigen des Militärs welcher neugierigen Touristen gerne Fragen zur Geschichte beantwortet. Wir sprechen fast eine halbe Stunde über militärische Geschichte und die Eigenwahrnehmung des stolzen schottischen Militärs.
Am meisten beeindruckt mich die Geschichte von Charles Ewart und des gestohlenen französischen Adlers in der Schlacht von Waterloo. Ebenso interessant ist die Geschichte des Royal Banner of Scotland welche von griechischen Widerstandskämpfern im zweiten Weltkrieg auf Kreta gefunden und aufbewahrt wurde. Nach Kriegsende 1945 wurde diese dann wieder an die Schotten zurück geführt und hängt nun heute als Ausstellungsstück im Schloss von Edinburgh.
Scottish royal standard flown by
a New Zealand infantry unit during
the German invasion of Crete, 1941.
To show their Scottish descent, this
infantry company from Otago,
New Zealand flew the ancient
royal standard of Scotland.
The flag was picked up by a Greek
soldier after the action at Galatas,
where the 23rd Battalion of the New
Zealand Expeditionary Force was
involved in heavy fighting.
It was kept by Greek partisans
(resistance fighters) in Crete, and
was handed over to the British
military authorities when Crete
was liberated in 1945.
Presented by Major DB Marriott, London.
M.1945.20
Wir sprechen auch noch über die „Highlanders“ dem diese tauchen immer wieder in der Ausstellung auf und meine Assoziation mit den Highlands dürfe jedem der mich kennt bekannt sein - Whisky.
Aber es handelt sich um ein Battalion aus eben dieser Region aber eben ein sehr selbstbewusstes und später wurde es mit der schottischen Armee zusammengeführt.
Mein Gesprächspartner macht mich auf ein, in Schottland, sehr berühmtes Gemälde aufmerksam - „the thin red line“.
Ich lerne das hier wifi das Sprichwort „eine dünne rote Linie“ seinen Ursprung hat.
Ich meine wer es schafft die russische Armee mit einer Reihe aus Soldaten in zwei Reihen zurückzuschlagen, der verdient sein eigenes Sprichwort.
At Balaclava, the 93rd fought off an
attack of Russian cavalry by forming
a line only two men deep in order to
increase the effectiveness of their fire.
This action was witnessed by a war
correspondent for 'The Times'
newspaper who described the
appearance of the 93rd as 'a thin red
streak tipped with a line of steel'. The
adapted title proved more memorable.
So genug historisches, es gibt auch spannendes aus der jüngeren Geschichte Edinburghs - Joanne K. Rowling und ihr Harry Potter. Am Nachmittag habe ich eine Harry Potter walking Tour gebucht und weiß nicht so recht was ich erwarten soll, aber hey es ist eine Free Tour und ich kann nur positiv überrascht werden denke ich so bei mir.
Bevor wir das Schloss verlassen investieren drei von uns noch £1 und eine Kupfermünze in diese wunderbaren Maschinen in denen mit roher mechanischer Gewalt aus dem runden Hartgeld ein ovales Souvenir gewalzt wird.
Langsam wird es dann aber sicherlich Zeit für die Kanadierin Abschied zu nehmen und ein Taxi zum Flughafen zu bestellen. Die australischen Jungs müssen auch noch packen und ich höre, wie eine Stimme im Wind, schon J. K. Rowling rufen. Wir verabschieden uns und jeder geht wieder seiner Wege.
Der Treffpunkt der H.P. Walking Tour ist, wie gestern auch schon, wieder am Mercat Cross. Dem alten Turm am Marktplatz an der Royal Mile von dem früher, vor dem Zeitalter der Zeitungen, die Neuigkeiten verkündet wurden. Auf der Spitze thront das nationale Wappentier Schottlands - ein Einhorn. Warum? Ja das fragt jeder erzählt Fraser, unser Guide. Dabei ist es ganz einfach, die Engländer haben einen Löwen gewählt und gemeinsam bildet es das „Royal Coat of Arms of the United Kingdom“. Falls es mal Zwietracht zwischen den Nationen geben sollte, so würde man England einfach zu einem Headbutt-Contest, einem Kopfnuss Wettstreit herausfordern - und ziemlich sicher gewinnen. Der geschichtliche Hintergrund ist nur halb so lustig, aber schnell erklärt:
Der heraldisch rechte Wappenträger, ein gekrönter Löwe, steht für England. Der heraldisch linke Wappenträger, ein silbernes Einhorn, symbolisiert Schottland. Das Einhorn ist angekettet, denn im Mittelalter wurde das Einhorn für ein gefährliches Tier gehalten, das nur von einer Jungfrau gezähmt werden konnte. So jetzt aber wirklich genug schottische Geschichte von anno dazumal, widmen wir uns den jüngeren schottischen Geschichten und Ihren Helden bzw. Schöpfern.
Wir starten also an der Royal Mile und schon ist J. K. Rowling plötzlich ganz nah, denn hier wurde es den Gewinnern des Edinburgh Awards ermöglicht sich zu verewigen und der Stadt ihren goldenen (Hand-) Abdruck aufzudrücken. Der Guide erzählt, dass er mal vollständig vergoldet war, aber mittlerweile haben schon so viele Touristen sich der Autorin nah fühlen und den Abdruck berühren wollen, so dass nicht mehr viel Gold übrig geblieben ist.
Wir sehen auch die Winkelgasse also im englischen original Diagon Ally bzw. die Straße die J. K. Rowling zu eben jener inspiriert haben soll. Im echten Leben steht hier West Bow / Victoria Street auf den Schildern und die Straße oder vielmehr die angrenzenden Häuser bestehen weitestgehend wirklich aus kleinen Läden mit den verschiedensten Ausrichtungen. Es reiht sich eine Kunstgalerie an ein Unterwäsche Geschäft, gleich daneben eine Patisserie und ein Second-Hand-Laden eines Wohlfahrtsverbands. Ein Tweed-Spezialist und einer der unzähligen Whisky Stores runden das Bild ab. Ganz am Ende stolpern wir noch über einen Laden der die Inspiration für Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, im Original: Weasleys Wizard Wheezes, gewesen sein soll. Leider erinnert heute nur die Fassade mit der Brillen-Nase-Bart Maske daran, denn das Innenleben hat gewechselt.
Auf einem alten Friedhof, welcher seit gut 100 Jahren nicht mehr in Benutzung ist, gehen wir auf die Suche nach Inspirationsquellen für den einen oder anderen Namen in den Harry Potter Geschichten. Der Friedhof ist nicht groß aber prunkvoll angelegt und uns wird schnell klar, dass hier nur die wohlhabendsten Bürger der Stadt beerdigt wurden. Platz für den Pöbel ist hier nicht, zwischen den Grabsteinen von Thomas Riddell und McGonagall. Am Rande des Friedhofs befindet sich ein großes eisernes Tor und dahinter ein Gebäude welche in teilen und von der Bauart ein wenig an Hogwarts erinnern soll. Naja wenn ich einzelne Fenster oder Türmchen betrachte dann vielleicht, denke ich so bei mir. Der Funfact welcher mich jedoch schmunzeln und meine Skepsis vergessen lässt, ist die Tatsache das es sich um eine Schule handelt und immernoch als solche genutzt wird. Es handelt sich um die George Heriot´s School und damit sollte auch die Location des Friedhofs auffindbar sein, also zwischen meinen Zeilen. Wie gerne würde ich jetzt mit Punktpunktpunkt und einem zwinkernden Emoji enden, aber das habe ich mir selbst untersagt, des Ende des Besens wegen - oder was war nochmal Stil?
Unterwegs kommen wir dann noch am Balmoral Hotel vorbei, das erste Hotel am Platz in der Stadt und wie mich dann eine der Fahnen erinnert, auch zugehörig zu meinem ehemaligen Arbeitgeber - der Rocco Forte Collection. Die gleiche Kette, oh Entschuldigung, Collection wie die Villa Kennedy in Frankfurt. Hier soll sich J. K. einige Monate eingeschlossen haben um die Heiligtümer des Todes zu beenden. Sie hat wohl auch eine Hermes-Marmorbüste, signiert, nachdem sie in dieser Suite den Roman fertiggestellt hat. Sie dachte es wäre lustig, wenn das jemand in ein paar Jahren entdecken würde, aber es wurde am nächsten Tag bereits vom Reinigungspersonal entdeckt. Das erklärt auch warum das Hotel eben diesen Raum nun als J. K. Rowling Suite vermietet und dieser ist über mehrere Jahre im Voraus ausgebucht, also nichts für Kurzentschlossene wie mich - wie schade.
Auf der Tour komme ich auch ins Gespräch mit Josh, meinem Zimmerkamerad bzw. Bettnachbarn im Hostel. Er ist von meinen gebuchten Touren für die kommenden Tage so angetan, dass er nach den Links des Anbieters fragt, sich einlesen möchte und überlegt mich zu begleiten. Nachdem die Tour endet trennen sich unsere Weg, denn er hat noch Pläne für den Abend und ich bin für einen gemütlichen Abend in Bennetts Bar mit Paul und Elise, zwei Franzosen, verabredet.
Der Abend ist lustig, feucht fröhlich und das Bier schmeckt und die Einrichtung der Bar von 1906 gefällt.
Ich komme ins Gespräch mit dem Eigentümer und er erzählt, dass das Hinterzimmer, der ehemalige Ladies-Room, aktuell umgebaut wird und dann als Restaurant für einfache Speisen wie Pizza und Burger genutzt werden soll. Mich begeistert aber vielmehr der authentische Pub mit einer Verglasung aus dem Jugendstil, den Tischen mit Landkarten unter Glas und tatsächlich auch die Waschräume welche sich seit 100 Jahren, bis auf Handtrockner und Leuchtmittel, nicht verändert zu haben scheinen.
Edinburgh, ich mag dich.




























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AntwortenLöschenFür jeden, der sich wie ich wundert, auf was für ner Schule der Reisende da gewesen sein muss ;)