von Kunst und Dunkelheit
Beim Frühstück machen höre ich heute eine Stimme hinter mir und ein freundliches „Hey Sebastian“ und dachte erst es wäre Matt, der sich wieder verkatert zu den Duschen schleppt, aber nein, es ist Tim aus den Vereinigten Staaten.
Einer meiner ersten Zimmergenossen aus Dublin steht plötzlich in der Küche in Edinburgh vor mir und grinst mich an - plötzlich fühlt sich die Welt ganz klein an. Vermutlich ein Phänomen von Rucksackreisenden, denn die Schnittpunkte an denen man sich begegnet teilen wir uns ja, da wir ja ein identisches Interesse haben - die Welt sehen und günstig schlafen.
Nach dem Frühstück und dem unerwarteten Wiedersehen mit Tim, sind plötzlich und ohne sich bei mir anzumelden die Ghostbusters in Edinburg. Bedauerlicherweise bin ich aus einer Seitenstraße gekommen, so dass ich kein schönes Bild machen konnte aber so hat’s dann für ein kurzes Video gereicht. Naja und auch für einen Ohrwurm, der mich den ganzen Tag begleiten wird. In der Seitenstraße, der Rose Street in New Town, einer kleinen Parallelstraße zur Princes Street, wo ich mir noch etwas Fett für die alten Lederschuhe gekauft habe gibt es auch viel zu sehen und so entscheide ich mich spontan noch ein bisschen durch die Gassen zu stromern, kleine Geschäft zu erkunden und die 150 Jahre jungen Häuser in „New Town“ zu begutachten. Immerhin ist es der jüngste Stadtteil der Stadt, wie ich später noch erfahren werde.
Meine gebuchte Tour startet um 14 Uhr und auf dem Weg zum Mercat Cross, dem Treffpunkt, laufe ich noch an der Royal Scottish Academy vorbei und spontan beschließe ich einen Blick zu riskieren. Angezogen von der Ausstellung „Summer in the City“ und dem altehrwürdigen, beeindruckenden Bauwerk schlendere ich hinein. Zugegebenermaßen bin ich ohne eine Erwartungshaltung in die Ausstellung gegangen, denn mir gefiel der Gedanke ein paar Werke lokaler Künstler zu besichtigen. Ich schlendere los, begutachte was da so an den Wänden hängt und betrete einen Raum nach dem anderen und dann ist es passiert, ich stehe vor einem Bild, ein einem Werk und kann meinen Blick nicht davon lösen. Egal wo ich hinschaue, ich sehe ein neues Detail in diesem schwarz-weißen Mikrokosmos. Nach mehreren Minuten die ich da so stehe spricht mich eine Kuratorin der Ausstellung an und gesteht, dass es ihr beim ersten Mal genauso gegangen ist.
Wir unterhalten uns über das Bild und die Art der Herstellung, denn es ist ein Linolschnitt. Das ist eine grafische Technik, die im Hochdruckverfahren arbeitet und im Prinzip dem Holzschnitt gleicht. Wie im Holzschnitt wird daher auch hier in eine Linoleumplatte mit speziellem Werkzeug ein Negativmuster in das normalerweise relativ feste Linoleum geschnitten. Mich beeindruckt nicht nur das künstlerische Geschick welches es braucht dieses Werk auf ca. 110cm x 170cm zu gestalten, sondern noch viel mehr die Tatsache, das es im negativ in hartes Linoleum geritzt wurde. Das Bild heißt „The View After the Questions“ und ist aus dem Jahr 2018. Auch wenn es ein Druck ist, so ist die Auflage auf 30 Stück limitiert und für £3.000 ohne Rahmen oder £3.700 inklusive Rahmen erhältlich. Ratenzahlung ist möglich und es wäre gelogen, wenn ich nicht zugeben würde kurz überlegt zu haben. Ich entscheide mich schweren Herzens dagegen, erinnere mich an die verpasste Gelegenheit 2016 auf Kuba ein weiteres Bild nicht gekauft zu haben und mit einem kleinen Stechen im Herzen frage ich meine freundliche Gesprächspartnerin ob ich ein Foto machen dürfe. Sie lacht und bejaht. Ich bin nachhaltig beeindruckt von Ade Adesinas Arbeit und mir fällt es schwer den Druck des Nigerianers hinter mir zu lassen und weiterzuziehen.
Nach einer kurzen Mittagspause im Park mit etwas Sonne im Gesicht geht’s dann endlich zur Underground Tour. Es handelt sich um die Edinburgh Vaults oder South Bridge Vaults sind eine Reihe von Kammern, die in den neunzehn Bögen der South Bridge in Edinburgh, Schottland, gebildet wurden, Teil des South Bridge Act von 1785 waren und 1788 fertiggestellt wurden. Mittlerweile ist die Brücke von beiden Seiten völlig zugebaut und nicht mehr als Brücke erkennbar - fast nicht mehr. Die Brücke hat eine ebene Fahrbahn bzw. Oberfläche und der Rest in der Umgebung hat Kopfsteinpflaster.
Unten angekommen wird es plötzlich ganz still und die Hektik der Altstadt von Edinburgh sind auf einmal ganz weit weg. Keine Touristen, Taxis, Hop-on-Busse, nichts. Nur kalte und feuchte Luft um mich herum und ich entdecke eine dunkle, feuchte Welt, die seit dem 18. Jahrhundert unverändert geblieben ist. Unsere erfahrene Geschichtenerzählerin führt uns tief in unterirdischen Gewölbe, hat einige Anekdoten zu dem was hier so passiert sein muss, was man bei den Ausgrabungen gefunden hat. Einige dieser Artefakte wird man uns nach der Tour noch zur Besichtigung anbieten, aber jetzt ist es dunkel, uneben und muffig, so dass keiner einen Gedanken daran verschwenden mag. Ein atomsphärisch gut eingesetzter technischer Kniff ist die Tatsache, dass die Tour mit Headsets angeboten wird, so dass die Führerin leise und gedämpft in Ihr Mikrofon sprechen kann, aber jeder Sie perfekt hören kann.
Wir schlendern also durch die ehemalige Uhrmacherwerkstatt, eine echte Untergrundkneipe, die Lagerräume der nicht ganz so legalen Geschäfte welche hier auch abgewickelt wurden. Zu Schluss sehen wir noch das Quartier des Caretakers, eine Art Hausmeister welcher hier unten lebte und für Ordnung gesorgt haben muss. Er hatte den luxuriösesten Raum, den es war der einzige mit Kamin.
Irgendwann kommt die Frage nach dem „warum“ auf und es ist einfach erklärt, der Platz in der Stadt war knapp. Das Leben in der Stadt erschien komfortabler und sicherer also suchte man sich seinen Platz. Erschwerend hinzu kam noch der Fakt, dass jeder die Stadt verlassen durfte aber um das Innere hinter den schützenden Mauern zu betreten war eine Steuer oder Wegezoll fällig. Dies war für die einfachen Leute schlicht zu teuer und nicht zu leisten, also mussten sie sich einen Platz zum bleiben suchen und da boten sich die zugemauerten Bögen der South Bridge an.
Nach der Tour gibt es noch ein paar gefunden Gegenstände zu sehen, denn die Vaults waren über einhundert Jahre vergessen und verschlossen. Die Fundstücke sind nicht so interessant, alte Flaschen, rostiges Werkzeug und ein paar halb verrottete hölzerne Türen. Interessanter ist die Geschichte welche erzählt wird, wenn man fragt wer und wie die Vaults wiedergefunden hat:
In den frühen 1980er Jahren entschied sich ein Besitzer einer Bar in den Gebäuden an der Brücke seinen Keller auszumisten und aufzuräumen und entdeckte dabei wohl den Zugang zu einem sehr alt wirkenden Netzwerk aus Räumen unterhalb. Schwer vorstellbar aber hey, wer bin ich darüber zu urteilen - ich war schlicht nicht dabei, geschweige denn geboren.
Am Abend als ich wieder im Hostel bin, lerne ich Josh kennen. Wir haben am Morgen schon kurz gesprochen, aber da war er noch etwas erschlagen vom Jetlag und hat sich erstmal schlafen legen wollen. Am Abend scheint er nun wieder bei Kräften zu sein und wir kommen ins Gespräch.
Er kommt aus Australien und entdeckt grade Europa für sich und wir sind auf einer Wellenlänge. Spontan entscheiden wir uns den Abend zu nutzen und eine echte schottische Arbeiterkneipe etwas außerhalb zu besuchen. Früher hieß der Laden mal „Gravediggers“ und nun steht „Athletic Arms“ auf dem Schild, naja wer den Kontext kennt, kann sich ein schmunzeln nicht verkneifen. An der Tür hängt ein Schild „sweaty shirts and Buddy Boots are welcome“, also nix schickimicki sondern echt und bodenständig. Empfohlen wurde mir der Laden vom gestern kennengelernten Barkeeper des Bannermanns aber da es ein paar Stationen mit dem Bus sind, entschieden wir uns da noch für da Wings. Besonders hervorgehoben hat er die zwölfseitige Whiskykarte mit wirklich sehr fairen Preisen und den Steakpie. Der Steakpie für £2 ist der Hammer, das Bier ist kalt und die Auswahl an Whisky ist fantastisch. Kurz überlege ich den 25 Jahre alten Tullibardine zu kosten, den er wird für lächerliche £10 angeboten, aber dann entscheide ich mich den Geschmack aus meiner eigenen Flasche kennenzulernen, wenn es einen Moment gibt der es rechtfertigt diese Flasche zu öffnen.
Immerhin war Sie ein Geschenk einer besonderen Frau und darum bewundere ich die Flasche noch ein wenig, bis sich eine Gelegenheit bietet - Danke Schmiegehäschen.
Auf dem Weg nachhause hatte ich dann Angst von Dementoren angegriffen zu werden, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.














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